Die Kunst der Ordnung
Mehr Ruhe, mehr Leichtigkeit, mehr Zeit für das Wesentliche – all das beginnt oft in den eigenen vier Wänden. Warum Ordnung zu mehr Balance im Alltag beiträgt und wie sie sich langfristig erhalten lässt.
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(c) Niki Harris
Ein Zuhause ist weit mehr als ein Ort zum Wohnen. Es ist Rückzugsort, Familienmittelpunkt und Arbeitsplatz zugleich. Wie viel Ordnung Menschen brauchen, um sich darin wohlzufühlen, ist ganz unterschiedlich: Während die einen ein minimalistisches Zuhause bevorzugen, darf es für andere ruhig etwas chaotischer sein. Entscheidend ist nicht Perfektion, sondern eine Wohnumgebung, die Orientierung gibt und den Alltag erleichtert. Zwischen Beruf, Familie und zahlreichen Verpflichtungen fehlt jedoch oft die Zeit oder schlicht die Energie, dauerhaft alles in Ordnung zu halten. Überfüllte Schränke, Papierstapel oder Schubladen, die sich kaum noch schließen lassen, sind häufig sichtbare Zeichen eines fordernden Alltags.
Genau hier setzt Desiree Schweiger an. Mit ihrem Unternehmen simply organized hat sie ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht: Als Ordnungscoach entwickelt sie gemeinsam mit ihren Kund:innen individuelle Lösungen. "Es geht darum, Strukturen zu schaffen, die sich langfristig in den Alltag und ihre Lebenssituation integrieren lassen", so die Expertin. Für sie beginnt Ordnung deshalb nicht mit dem Aufräumen, sondern mit der Frage, warum Unordnung überhaupt entstanden ist. "Ein Zuhause erzählt viel über das Leben, das dort gerade stattfindet", erklärt sie. "Häufig spiegeln sich darin herausfordernde Lebensphasen, fehlende Routinen oder Veränderungen im Familienalltag wider." Unordnung ist für sie daher kein Zeichen persönlicher Schwäche oder mangelnder Disziplin, sondern häufig Ausdruck eines belastenden Alltags. Gleichzeitig kann die Unordnung selbst zum stillen Stressfaktor werden und den ohnehin bestehenden Druck zusätzlich verstärken.
Ordnungscoach Desiree Schweiger sucht mit ihrem Unternehmen simply organized individuelle Lösungen, die zur Lebenssituation ihrer Kund:innen passen.
Wenn Unordnung zur Last wird
Warum sich eine unstrukturierte Umgebung belastend anfühlen kann, lässt sich auch wissenschaftlich erklären. Ein unruhiges Umfeld fordert unser Gehirn ständig: Reize müssen verarbeitet, offene Aufgaben präsent gehalten und unzählige kleine Alltagsfragen beantwortet werden – etwa, wo etwas liegt oder was noch alleserledigt werden muss. Diese permanente mentale Belastung kostet Energie und erschwertes, wirklich abzuschalten. Wie sich das im Alltag bemerkbar macht, erlebt Schweiger in Gesprächen. "Viele erzählen mir, dass sie unaufgeräumte Bereiche einfach meiden, sich bei unangekündigtem Besuch für ihr Chaos schämen oder zu Hause keine echte Erholung mehr finden", berichtet sie. "Wenn wir ständig etwas suchen, unerledigte Aufgaben vor Augen haben oder Dinge keinen festen Platz haben, entsteht leicht das Gefühl von Unruhe." Die gute Nachricht: Schon kleine Veränderungen können den Alltag spürbar erleichtern. Bekommen häufig genutzte Gegenstände einen festen Platz und werden Abläufe vereinfacht, verändert sich oft auch die Stimmung. Viele fühlen sich schon während des Ausmistens ruhiger und leichter und erleben ihren Alltag wieder als besser bewältigbar.

Ordnungscoach Desiree Schweiger sucht mit ihrem Unternehmen simply organized individuelle Lösungen, die zur Lebenssituation ihrer Kund:innen passen. (c) Niki Harris
Warum Loslassen so schwerfällt
Wenn schon kleine Veränderungen den Alltag erleichtern können, warum fällt es dann vielen so schwer, Ordnung zu schaffen? Für Schweiger liegt die Antwort selten im fehlenden Willen: "Viel häufiger sind es die Geschichten, die wir mit den Dingen verbinden – ein Gegenstand kann für Sicherheit, Erinnerungen oder eine bestimmte Lebensphase stehen." Gleichzeitig halten viele aus Unsicherheit an ihnen fest, weil sie befürchten, die Dinge etwas später doch noch zu brauchen oder die falsche Entscheidung zu treffen. So sammeln sich mit
der Zeit Sachen an, die längst keine Funktion mehr haben. Schweiger empfiehlt daher einen Perspektivwechsel. Statt sich zu fragen, ob ein
Gegenstand irgendwann vielleicht noch nützlich sein könnte, sei eine andere Überlegung hilfreicher: "Welchen Preis zahle ich heute dafür, dass ich ihn aufbewahre?" Dabei gehe es nicht unbedingt um Geld oder Platz, sondern vielmehr um die Unordnung und das schlechte Gewissen angesichts unerledigter Aufgaben. Gerade bei Erinnerungsstücken geht Schweiger aber besonders behutsam vor. Nicht alles müsse weg. "Manchmal reicht ein Foto, manchmal wählen wir aus vielen ähnlichen Dingen ein besonders bedeutungsvolles Stück aus. Und manchmal ist die richtige Entscheidung, etwas zu behalten." Wichtig sei, dass die Dinge bewusst ausgewählt werden – und nicht nur deshalb bleiben, weil eine Entscheidung immer wieder aufgeschoben wird.
Kleine Schritte statt großer Vorsätze
Wer Ordnung schaffen möchte, muss nicht gleich die ganze Wohnung auf den Kopf stellen. Im Gegenteil: Schweiger empfiehlt, mit einem kleinen Bereich ohne große emotionale Bindung zu beginnen – etwa mit einer Schublade, alten Prospekten oder unbrauchbaren Stiften.
Wichtig sei vor allem, einen Bereich nach dem anderen vollständig abzuschließen. "Ein fertiges Fach motiviert mehr als fünf gleichzeitig begonnene Baustellen", so
die Ordnungscoach.

Ordnungscoach Desiree Schweiger rät, sich von überhöhten Ansprüchen, wie aus vielen Social-Media-Kanälen bekannt, nicht unter Druck setzen zu lassen. "Ordnung soll dem Menschen dienen – nicht umgekehrt. (c) Anne Carolin
Ein Fehler begegnet ihr dabei besonders häufig: Viele besorgen zuerst die Aufbewahrungsboxen und beginnen erst danach mit dem Aussortieren. Schweigers Rat lautet deshalb: "Erst aussortieren, dann organisieren." Besonders schnell zeige sich der Effekt in Bereichen, die täglich genutzt werden – etwa im Eingangsbereich, auf der Küchenarbeitsfläche oder am Esstisch. Sind diese Flächen frei, wirkt oft gleich die gesamte Wohnung ordentlicher.
Ordnung darf unperfekt sein
Letztlich geht es aber nicht darum, dass zu Hause alles jederzeit makellos aussieht – ein Anspruch, der sich schnell aus den sozialen Medien speist: Perfekt sortierte Schränke und tadellose Wohnungen prägen das Bild vieler Kanäle. Sie können durchaus inspirieren, findet Schweiger. Problematisch wird es jedoch, wenn solche Darstellungen zum Maßstab für das eigene Heim werden.
"Ein perfekt sortierter Schrank ist nicht automatisch funktional", sagt sie. Denn solche Plattformen zeigen meist nur inszenierte Momente, nicht den gelebten Alltag. Umso ratsamer sei es, sich von überhöhten Ansprüchen nicht unter Druck setzen zu lassen. "Ordnung soll dem Menschen dienen – nicht umgekehrt", bringt sie ihre Philosophie auf den Punkt.
Am Ende sind es selten die großen Umbrüche, die den Unterschied machen, sondern viele kleine Entscheidungen, die Schritt für Schritt mehr Übersicht schaffen und den Alltag erleichtern. Oder, wie Schweiger es formuliert: "Ordnung muss weder perfekt sein noch an einem Wochenende entstehen." Viel wichtiger sei es, dass sie zum eigenen Leben passt – denn nur dann kann sie zu mehr Ruhe, Leichtigkeit und Balance beitragen.
Autorin: Rosi Dorud
Eugendorf Silberlocke übergeben
Mit dem Projekt Silberlocke entstand ein regionales Leuchtturmprojekt, das innovative Wohnformen für ältere Menschen fördert und einen wichtigen Beitrag zur sozialen Infrastruktur der Gemeinde Eugendorf leistet. Die BWSG errichtete gemeinsam mit Hillebrand Bau 24 geförderte Mietwohnungen für betreutes Wohnen sowie ein Seniorentageszentrum unter einem Dach. Das Wohnprojekt ermöglicht Senior:innen ein selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden in gewohnter Umgebung bei gleichzeitiger professioneller Betreuung. Betreiber des Tageszentrums ist der Arbeiter-Samariter-Bund Salzburg. Die erfolgreiche Umsetzung basiert auf der engen Zusammenarbeit mit dem Land Salzburg, der Gemeinde Eugendorf und den Projektpartnern. Das Land Salzburg unterstützt das Projekt mit rund 5,2 Mio. Euro Wohnbauförderung. Die Vergabe erfolgte über die Gemeinde. Am 25. August wurde das Vorzeigeprojekt offiziell an die Mieter:innen übergeben. Autorin: Rita Michlits Alle Fotos: (c) wild
Wohnen im Gleichgewicht
Ein Zuhause sollte vieles können: warm sein, wenn es draußen kalt ist, angenehm kühl, wenn der Sommer wieder einmal Überstunden macht, hell genug zum Lesen und gemütlich genug zum Abschalten. Die Waschmaschine soll ihre Arbeit erledigen, während der Stromzähler möglichst ruhig bleibt. Und wenn schon Technik einzieht, dann bitte so, dass sie das Leben einfacher macht – und nicht noch eine zusätzliche Bedienungsanleitung auf den Wohnzimmertisch legt. Kurz gesagt: Wohnen braucht Balance. Der eigentliche Fortschritt besteht also nicht darin, möglichst viele Geräte miteinander zu vernetzen. Entscheidend ist, dass am Ende etwas herauskommt, was jeder Bewohner spürt: mehr Komfort, weniger Energieverbrauch und ein Zuhause, in dem man sich wohlfühlt. Wärme mit Maß Beginnen wir also mit einem der größten Energieverbraucher im Haushalt: der Heizung. Gerade hier ist Balance besonders wichtig. Zu kalt ist unangenehm, zu warm kostet unnötig Energie – und manchmal sogar den guten Schlaf. 25 Grad im Schlafzimmer mögen für einen tropischen Urlaub passend sein, für eine erholsame Nacht sind sie meist wenig hilfreich. Moderne Heizsysteme können wesentlich genauer regeln als früher. Raumthermostate, elektronische Heizkörperventile und intelligente Steuerungen passen die Temperatur an die tatsächliche Nutzung an. Wer tagsüber nicht zu Hause ist, muss die Wohnung schließlich nicht auf Wohlfühltemperatur halten. ...
Zwischen Ordnung und Wildnis
Frau Lo, Sie planen unter anderem Außenanlagen für die Wohnprojekte der BWSG und öffentliche Räume. Welche Überlegungen spielen dabei eine Rolle? Carla Lo: Zu Beginn steht immer die Frage, wer die Freiflächen nutzt und welche Bedürfnisse damit verbunden sind. Wir planen für ältere Personen genauso wie für Kinder und Jugendliche – und jede Gruppe hat andere Ansprüche. Kinder freuen sich über Möglichkeiten zum Herumtoben, Klettern und Entdecken. Ältere Menschen wünschen sich eher ein schattiges Plätzchen, von dem aus sie das Geschehen beobachten können. Ein guter Freiraum schafft es, diese unterschiedlichen Bedürfnisse in einem gemeinsamen Außenraum zusammenzubringen. Das bedeutet, Sie müssen auf eine bedürfnisorientierte Balance bei der Gartengestaltung achten? Ja, die Balance zieht sich wie ein roter Faden durch unsere Planung: zwischen Nutzungsanreizen und Nutzungsoffenheit, zwischen "ordentlich" und "wild" oder auch zwischen "laut" und "leise". Sie beziehen bei Ihrer Planung von Wohnobjekten – so wie bei unserer Roten Emma – oft auch die Dachflächen mit ein. Sollte jede Dachfläche aktiv von Menschen genutzt werden? Nein, ganz im Gegenteil. Die Aktivierung von Freiräumen ist wichtig, aber nicht jede Fläche muss von Menschen genutzt werden. Ein Teil sollte bewusst der Biodiversität vorbehalten bleiben – als ruhiger, ungestörter Lebensraum für Vögel und Insekten. So ...
Mehr als ein Vogel auf dem Drahtseil
Wer ein Kind auf einem Randstein balancieren sieht, erinnert sich vielleicht an die eigene Kindheit zurück. Balancieren um seiner selbst willen, einfach, weil es Spaß macht, ohne das Trainieren seines Gleichgewichtssinns im Kopf zu haben. Denn genau das passiert: Ein Kind trainiert beim Balancieren und den meisten anderen Bewegungsspielen seinen Gleichgewichtssinn – erst unbewusst, später viel bewusster, wie eine Studie von Andrea Frick und Wenke Möhring an der Universität Bern zeigte. Die Forscherinnen untersuchten den Einbeinstand als Indikator für die motorische Kontrolle von Sechsjährigen und zeigten auf, wie sich die Balancefähigkeiten in der Kindheit entwickeln und dass diese mit anderen kognitiven Fähigkeiten zusammenhängen. Balanceübungen sind für weitaus mehr Fähigkeiten wichtig als vermutet. Balanceübungen sind für weitaus mehr Fähigkeiten wichtig als vermutet, denn es wird auch die Kommunikation von drei Sinnesorganen im Körper trainiert: das Gleichgewichtsorgan im Innenohr, die Augen und die Sinneszellen in den Muskeln. Das macht es z. B. möglich, ein Bein anzuheben, ohne nachzudenken. Beim Sport wirkt sich eine gute Balance auf die Leistung aus: Läufer:innen können ihre Kraft effizienter einsetzen und Skifahrer: innen bewegen sich sicherer auf unebenem Gelände. Im Prinzip profitiert jede Sportart von einer guten Gleichgewichtsfähigkeit und Körper und Geist gleich mit dazu. Die Happy-together-Redaktion ...