Lernen kennt kein Alter

Im Interview mit Happy together gibt Prof. Dr. Dorothea Hämmerer einen kurzen Einblick, wie sich Lernen, Persönlichkeit und geistige Fähigkeiten über die Lebensspanne hinweg verändern.

Zur Übersicht

Happy Together: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Was sagen Sie zu dieser alten "Volksweisheit"?

Dorothea Hämmerer: Das ist ein klassisches Vorurteil. Trainingsstudien, in denen junge und ältere Erwachsene über rund hundert Tage kognitive Funktionen wie Arbeits- und Langzeitgedächtnis geübt haben, zeigen klar, dass auch im höheren Alter gelernt wird. Die Lernkurven verlaufen nur flacher und das erreichte Leistungsniveau ist im Schnitt geringer als bei Jüngeren. Das menschliche Gehirn knüpft Neues an vorhandenes Wissen an. Hier haben Ältere oft auch Vorteile: Die sogenannte kristalline Intelligenz – also angesammeltes Wissen und Erfahrung – ist meist größer. Abnehmen können hingegen fluide Fähigkeiten wie Verarbeitungsgeschwindigkeit, Multitasking oder Ablenkungsresistenz. Es gibt gewisse Begriffe, die einem im Alltag begegnen. Beispielsweise "Altersstarrsinn" oder "jugendlicher Leichtsinn". Gibt es das wirklich? So etwas wie "jugendlicher Leichtsinn" findet sich in statistischen Mittelwerten durchaus wieder, da Junge häufiger Risikoverhalten zeigen. Erklären lässt sich das durch die Entwicklung des Gehirns: Die Belohnungs- und Emotionssysteme reagieren stark, während die Kontrollsysteme noch reifen. Eine derartige zeitliche Verschiebung kann ein impulsives Verhalten auch begünstigen. Dazu kommen soziale Entwicklungsaufgaben wie zum Beispiel die Ablösung vom Elternhaus, das Finden der eigenen Identität und die Orientierung an Gleichaltrigen. Der "Altersstarrsinn" hingegen ist viel stärker stereotyp geprägt. Ein genereller Verlust an Offenheit ist nicht zwangsläufig. Häufig spielen Lebensumstände eine Rolle: Es gibt weniger neue Reize, oft auch eine eingeschränkte Mobilität oder gesellschaftliche Zuschreibungen.

Jeder Mensch ist natürlich einzigartig, aber gibt es trotzdem gemeinsame Nenner in puncto Veränderung im Laufe eines Lebens?

Ja, durchaus. In der Kindheit verlaufen viele Entwicklungsprozesse relativ synchron – Sprache, Motorik und Aufmerksamkeit folgen biologisch vorbereiteten Zeitfenstern. Die Unterschiede im Erwachsenenalter werden größer. Die eigene Biografie, Bildung, Gesundheit und soziale Kontexte prägen die individuelle Entwicklung. Kognitiv zeigt sich, dass fluide Fähigkeiten – also etwa Arbeitsgedächtnis oder parallele Aufgabenbearbeitung – ab dem mittleren Erwachsenenalter abnehmen. Die kristallinen Fähigkeiten – also Wissen, Wortschatz und Erfahrung – bleiben stabil oder wachsen lange weiter. Das Alter ist außerdem durch Heterogenität gekennzeichnet; soll heißen, die Unterschiede zwischen 80-Jährigen sind oft größer als zwischen 20-Jährigen.

Dass sich ein Kind von einem Erwachsenen im Verhalten unterscheidet, erscheint logisch. Inwiefern kann man "Das eine ist das Alter und das andere der Charakter" sagen? Kann man so etwas überhaupt trennen?

Analytisch ja, praktisch nur begrenzt. Das Alter beschreibt entwicklungsbedingte Voraussetzungen: Ein Kleinkind kann Emotionen noch nicht so regulieren wie ein Erwachsener. Mit dem Charakter – was man psychologisch eher als Persönlichkeit bezeichnet – meint man relativ stabile Unterschiede wie Impulsivität, Ängstlichkeit oder Extraversion. Solche Dispositionen zeigen sich früh, werden aber vom Entwicklungsstand überformt. Ein Beispiel: Wenn ein Kind schnell wütend wird, liegt das teilweise an noch unreifer Selbstregulation. Wenn ein älterer Mensch gereizt reagiert, kann der Auslöser eine chronische Belastung oder Schmerz sein. Ähnliches Verhalten kann unterschiedliche Ursachen haben. Alter und Persönlichkeit sind theoretisch unterscheidbar, im Alltag jedoch eng miteinander verwoben.

Welche Ergebnisse von Studien haben Sie persönlich überrascht (die vielleicht mit der Veränderung im Alter zu tun haben)?

Besonders beeindruckend ist die Forschung über sogenannte "Super-Ager": Hochbetagte, deren episodisches Gedächtnis – also das Erinnern neuer Ereignisse – kaum nachlässt. In großen
Längsschnittstudien identifiziert man gezielt diese Personen, um die Schutzfaktoren zu verstehen. Überraschend ist auch, wie groß die individuelle Spannweite im Alter ist. Während manche deutliche kognitive Einbußen zeigen, bleiben andere geistig so leistungsfähig wie deutlich Jüngere. Und schließlich wird ein Bereich oft unterschätzt: emotionale Kompetenzen. Der Umgang mit Verlust, Frustrationstoleranz und die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit sind komplexe Entwicklungsaufgaben. Viele ältere Menschen entwickeln hier eine bemerkenswerte Stabilität – das wird gesellschaftlich leider noch zu wenig beachtet.

Danke für das Gespräch.

Das Institut für Psychologie sucht Studienteilnehmer:innen:

 

Wie bleibe ich im Alter gesund? Helfen Sie mit, es herauszufinden!

Unser Ziel ist es, zu einem besseren Verständnis beizutragen, das langfristig helfen kann, die geistige Gesundheit zu erhalten, weitere Schritte in der Demenzprävention zu ermöglichen und so mehr Lebensjahre in guter Gesundheit zu fördern.

Wir suchen Personen für wissenschaftliche Studien ab 50 Jahren bzw. 60 Jahren (je nach Studie); auch über 80-Jährige sind herzlich eingeladen!

Ihre Teilnahme an unserer Gehirnforschung trägt dazu bei, das Altern besser zu verstehen. Unterstützen Sie die Wissenschaft für eine gesündere Zukunft!

Kontakt:

Univ.-Prof. Dr. Dorothea Hämmerer

entwicklungspsych-studien@uibk.ac.at

+43 512 50756101

 

Zur Übersicht
NOVOart unterstützt Kunst im urbanen Raum

Im Rahmen der Klima Biennale Wien 2026 setzte der Kunst- und Kulturverein NOVOart ein starkes Zeichen für Kunst im öffentlichen Raum: Mit seiner Unterstützung realisierte der bolivianische Künstler River Claure eine eindrucksvolle Fassadenarbeit am Wohnobjekt der gemeinnützigen Wohnbaugenossenschaft BWSG in der Nordbahnstraße 51 in Wien-Leopoldstadt. Beim Verkehrsknotenpunkt Praterstern, im Rahmen der Ausstellung "(No) Funny Games", brachte Claure seine künstlerische Auseinandersetzung mit globalen Machtverhältnissen, kolonialer Geschichte und gesellschaftlicher Resilienz in den urbanen Kontext. "Das Projekt von River Claure zeigt, wie Kunst globale Zusammenhänge verständlich machen kann – gerade im unmittelbaren Lebensumfeld der Menschen. Solche Impulse sind wichtig, um Bewusstsein zu schaffen und neue Formen des Zusammenlebens mitzudenken", sagt NOVOart-Obmann DI Franz Binderlehner, BSc. "Es erfüllt uns mit Stolz, im Rahmen der Klima Biennale Wien 2026 einen weithin sichtbaren Beitrag zu leisten und dieses Projekt gemeinsam mit diesem international renommierten Künstler realisieren zu können", ergänzt NOVOart-Obfrau Arch. DI Kerstin Robausch-Löffelmann. Auf drei machen wir alles kaputt Der international tätige Foto- und Videokünstler River Claure untersucht in seiner inszenierten Werkserie die Folgen kolonialer Ausbeutung sowie die Widerstandskraft indigener Lebenswelten. Die Fassadengestaltung in der Nordbahnstraße war Teil seines Projekts "A cuenta de tres, lo destruimos todo" ("Auf drei machen wir alles kaputt"). Dafür hatte ...

Wärmeverteilung im Wohnbau: Eine Frage der Balance

In Zeiten, wo Teuerungen an jeder Ecke fröhliche Urstände feiern, macht sich die Nutzung eines intelligenten, KI-gestützten Heizwärmesystems bezahlt. Kevin Bauer-Hentschke ist Gründer und Geschäftsführer von Wohnio, einem Unternehmen mit rund 20 Mitarbeiter:innen mit Sitz in Wien. Gegenüber Happy together erläutert er, was es heißt, einen mehrgeschossigen Wohnbau mittels KI-und IoT-basierter Heizungsoptimierung1 so zu optimieren, dass Kosten eingespart werden können. "Steigende Energiekosten erfordern einen effizienten Umgang mit Gebäudeheizungen. Eine große Rolle spielt dabei die kontinuierliche Optimierung der Heizungsanlage", erläutert Bauer-Hentschke. Dies erreichte Wohnio in einem Pilotprojekt in der BWSG-Wohnanlage Hauffgasse durch KI in Verbindung mit dem hydraulischen Abgleich der Heizung. "Durch einen solchen kommt es zu einer gleichen Verteilung: Wohnungen in der Nähe der Heizzentrale erhalten ebenso viel Wärme wie weiter entfernte Wohneinheiten", so der Wohnio-Geschäftsführer. Unterm Strich bedeutet dies, dass so viel Energie verbraucht wird wie benötigt. Bauer-Hentschke: "Das lässt sich durch Ventile, die jeder Wohnung zugeordnet und gezielt eingestellt werden, erzielen. Die Wärme wird dadurch gleichmäßig verteilt und es wird keine Energie verschwendet – und gleichzeitig steigt der Wohnkomfort für die Mieter:innen." Bis zu 125 Euro Ersparnis pro Wohnung und Jahr Das Einsparungspotenzial ist dabei groß: Für Wohnanlagen wie die Hauffgasse schätzt der Wohnio-Geschäftsführer das Einsparungspotenzial auf rund ...

Mit den Augen der Töchter

Schauplatz: eine großflächige Baustelle im 23. Bezirk am 23. April 2026: Das Areal ist weitläufig, da und dort ragt ein Rohbau aus dem Boden. In der Meischlgasse entsteht ein neues Stadtquartier mit zahlreichen Wohnhäusern. Eines davon, ein BWSG-Objekt, trägt den Namen "Im Terrassengarten" und wird 285 geförderte Mietwohnungen beherbergen: Noch sieht man nichts außer Erde, Bagger und Baugruben – und eine 20-köpfige Gruppe von Mädchen im Alter zwischen neun und 17 Jahren. Sie tragen Schutzhelme und -westen. Es ist der 25. Wiener Töchtertag, bei dem alle Töchter, Schülerinnen, Nichten etc. aus Wien, Niederösterreich und dem Burgenland dazu eingeladen sind, bei einem der über 300 teilnehmenden Unternehmen Arbeitsluft zu schnuppern. In unserem Fall bedeutet das – "Baustellenluft atmen", inklusive Bagger fahren und Holzhaus bauen. Gemeinsam mit Strabag, unserem Generalunternehmer vor Ort, und dem Holzbauunternehmen Weissenseer erhalten 22 Töchter Einblicke in Berufe, die sie im und rund um Bauwesen und Immobiliengenossenschaft ergreifen können. Natürlich nicht im Detail. Vielmehr erzählen erfolgreiche Frauen aus der Bau- und Immobilienbranche über ihren Werdegang und ihre jetzige Position; unter anderem die BWSG-Vorständin Arch. DI Kerstin Robausch-Löffelmann und die kaufmännische Direktorin der Strabag, Yvonne Otrob, MA. Die vielleicht wichtigste Botschaft der Top-Managerinnen an die heranwachsenden Frauen: "Glaubt nie, ...

Zwei Projekte, ein Ziel: Leistbares Wohnen mit Mehrwert

Der Frühling 2026 brachte nicht nur neues Leben in die Natur, sondern auch in zwei große Wohnprojekte der BWS-Gruppe: Mit der "Roten Emma" in Wien-Donaustadt und "Bella Vista" im Stadtquartier Village im Dritten wurden über 460 leistbare Wohnungen fertiggestellt und an ihre neuen Bewohner:innen übergeben. Zwei Projekte, die eindrucksvoll verdeutlichen, wie vielfältig, nachhaltig und gemeinschaftsorientiert moderner Wohnbau heute gedacht wird. Der Bedarf an leistbarem Wohnraum ist in einer wachsenden Metropole wie Wien sehr groß: Im geförderten Mietsegment entstehen jährlich 6.000 bis 7.000 neue Wohnungen. Die Stadt unterstützt den sozialen Wohnbau über das Wiener Wohnbaumodell u. a. mit Bauträgerwettbewerben und dem Bau von Gemeindewohnungen. Ein neues Stück Stadt in Kagran: die "Rote Emma" Im Herzen von Kagran ist mit dem Wohnprojekt "Rote Emma" ein lebendiges Quartier entstanden, das weit über reinen Wohnbau hinausgeht. Gemeinsam mit dem Projektpartner migra hat die gemeinnützige Bau-, Wohn- und Siedlungsgenossenschaft BWS hier 360 geförderte Mietwohnungen realisiert – ergänzt durch ein breites Angebot an sozialen, kulturellen und nachbarschaftlichen Einrichtungen. 191 Wohnungen entfallen auf die BWS. "Das Wiener Modell des geförderten Wohnbaus und der damit verbundenen leistbaren Mieten dient europaweit als Vorbild. Projekte wie die Rote Emma schaffen leistbaren Wohnraum und stärken gleichzeitig das soziale Miteinander im Grätzl", ...

Ausgabe #12: Wandel zum Durchblättern