Strom mit Familienanschluss

Energiegemeinschaften machen aus Nachbarn, Familien und Regionen kleine Kraftwerke – und zeigen, dass die Energiewende manchmal ganz einfach mit Teilen beginnt.­­­

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Sustainable city at sunset with smart grid connecting residential homes and modern skyscrapers, showcasing renewable energy solutions and futuristic urban development

Möchte jemand über die Grenzen des eigenen Hauses hinaus Strom teilen, schließt er sich einer regionalen Energiegemeinschaft an. (c) diam/AdobeStock

Es klingt zunächst wie eine dieser Ideen, die irgendwo zwischen Nachbarschaftshilfe und Zukunftslabor angesiedelt sind: Wer Strom übrig hat, gibt ihn weiter. Wer keinen eigenen produziert, profitiert trotzdem. Und plötzlich wird aus der Photovoltaikanlage am Hausdach mehr als nur ein Werkzeug zur Eigenversorgung – sie wird Teil eines größeren Ganzen. Willkommen in der Welt der Energiegemeinschaften.

Noch vor wenigen Jahren verlief die Sache denkbar simpel: Auf dem Dach produziert die Photovoltaikanlage Strom, der im Haus verbraucht (und/oder im Idealfall in einer Batterie gespeichert) wird. Der Überschuss wanderte ins Netz – vor wenigen Jahren zu Preisen, die Besitzer von PV-Anlagen oft zum Jubeln brachten. Heute gibt’s diese hohen Einspeisetarife nicht mehr, dafür aber eine gute Alternative: Warum den Strom billig abgeben (oder gar dafür zahlen), wenn ihn Nachbar:innen, Freund:innen oder sogar die eigene Familie brauchen könnten?

Genau hier kommen jetzt die sogenannten Energiegemeinschaften ins Spiel. Was technisch klingt, ist im Kern eine ziemlich soziale Idee. Menschen schließen sich zusammen und nutzen gemeinsam regional erzeugten Strom. Wer produziert, stellt Energie bereit. Wer konsumiert, bezieht sie – im Regelfall günstiger als beim klassischen Stromanbieter. Möglich wurde das durch gesetzliche Rahmenbedingungen, die den gemeinschaftlichen Handel mit erneuerbarer Energie in Österreich erlauben.

Nicht nur etwas für Hausbesitzer:innen

Denn genau hier wird das Modell spannend. An der Energiewende können nicht nur Stromerzeuger teilnehmen, sondern auch reine Verbraucher. Gerade Wohnungseigentümer:innen oder Mieter:innen profitieren davon. Wer kein eigenes Dach besitzt – oder keines nutzen kann –, muss deshalb nicht auf regionalen Sonnenstrom verzichten. Das Zauberwort für den urbanen Raum und Mehrparteienhäuser heißt gemeinschaftliche Erzeugungsanlage (GEA).

Das Prinzip ist denkbar unkompliziert: Eine PV-Anlage auf dem Dach des Wohnhauses versorgt die Bewohner:innen direkt über die interne Hauptleitung des Gebäudes. Der große Clou dabei: Weil der Strom das Haus nicht verlässt und das öffentliche Netz überhaupt nicht beansprucht wird, fallen für diesen Gemeinschaftsstrom weder Netzentgelte noch Steuern oder Abgaben an. Günstiger geht es kaum. Und das Beste: Um den Strom im Haus aufzuteilen, muss nicht einmal ein eigener Verein gegründet werden – ein einfacher Vertrag zwischen den Hausbewohner:innen genügt.

Wer über die Grenzen des eigenen Hauses hinaus Strom teilen möchte, schließt sich einer regionalen Energiegemeinschaft an. Der Strom stammt dann beispielsweise von den PV-Anlagen anderer Privathaushalte, Betriebe oder kommunaler Gebäude in der Umgebung.

In allen Modellen gilt: Bezogen wird immer nur jener Anteil, der gerade tatsächlich verfügbar ist. Reicht der Gemeinschaftsstrom einmal nicht aus – etwa nachts oder an einem verregneten Wintertag –, springt automatisch weiterhin der normale, bestehende Stromlieferant ein. Für Teilnehmer:innen bedeutet das: kein Risiko, kein Blackout-Roulette, keine technischen Verrenkungen. Man behält einfach seinen Liefervertrag und bekommt den geteilten Strom quasi "vorgereiht".

Die Familie als kleines Kraftwerk

Besonders charmant wird das Modell innerhalb der Familie. Das klassische Beispiel: Die Eltern wohnen im Einfamilienhaus am Land, die Photovoltaikanlage produziert tagsüber mehr Strom, als im Haushalt verbraucht wird. Gleichzeitig sitzt die Tochter oder der Sohn in einer Wiener Studentenwohnung und zahlt brav die Stromrechnung. Warum also den Strom anonym ins Netz schicken und dafür ohnehin nichts mehr bezahlt bekommen?

In einer sogenannten Bürgerenergiegemeinschaft kann die Familie den Überschuss über Bundesländergrenzen hinweg teilen. Der Sonnenstrom vom Elternhaus landet – bilanziell betrachtet – beim studierenden Nachwuchs in der Stadt. Das spart Kosten und fühlt sich ein bisschen an wie moderne Fürsorge: Früher gab’s beim Wochenendbesuch Care-Pakete mit Nudeln und Waschmittel, heute vielleicht auch ein paar Kilowattstunden aus dem Elternhaus.

Selbst Strom verschenken ist möglich. Wer innerhalb einer Gemeinschaft ein persönliches Naheverhältnis hat, kann Energie sogar zum Nulltarif weitergeben – wobei die gesetzlichen Netzkosten für den Transport natürlich weiterhin anfallen. Auch Stromspenden an andere Mitglieder oder soziale Projekte sind denkbar.

Warum sich das finanziell lohnt

So romantisch die Idee des Teilens klingt: Ganz ohne wirtschaftlichen Nutzen würde sich die Begeisterung wohl in Grenzen halten. Der große Hebel liegt bei den Kosten. Wer sich mit den Nachbarn "ums Eck" zusammenschließt (in einer Erneuerbare-Energie-Gemeinschaft, EEG), profitiert gleich doppelt: von frei verhandelbaren Strompreisen und spürbar reduzierten Netzentgelten. Der Grund: Der Strom legt kürzere Wege zurück und belastet das überregionale Stromnetz nicht. Der Gesetzgeber belohnt diese regionale Nähe mit niedrigeren Gebühren und dem Entfall bestimmter Abgaben.

Gut zu wissen: Wird der Strom – wie im Familienbeispiel zuvor – quer durch Österreich geschickt, entfällt dieser Netzkostenrabatt zwar, der Vorteil eines unabhängig vereinbarten (oder geschenkten) Strompreises bleibt aber bestehen. Das Ergebnis: Für viele Teilnehmer:innen wird der Strombezug günstiger – und oft auch stabiler kalkulierbar als auf dem volatilen Energiemarkt. Besonders in Zeiten schwankender Strompreise ist das ein Argument, das zieht.

Nachhaltigkeit mit Hausverstand

Neben dem Geld spielt freilich auch der Umweltgedanke eine Rolle. Energiegemeinschaften fördern den Ausbau erneuerbarer Energie, weil lokal erzeugter Sonnenstrom idealerweise dort genutzt wird, wo er entsteht – statt quer durchs Land transportiert zu werden. Die Idee dahinter ist ebenso pragmatisch wie sinnvoll: Warum Energie weit reisen lassen, wenn sie gleich nebenan gebraucht wird?

Das stärkt zudem regionale Kreisläufe und macht die Energiewende für alle ein bisschen greifbarer. Aus abstrakten Klimazielen wird plötzlich etwas sehr Konkretes: der Strom vom Dach der Nachbar:in oder von der Gemeindeturnhalle nebenan.
Wie wird man Teil einer Energiegemeinschaft?

Die gute Nachricht: Niemand muss dafür Elektrotechnik studieren. Wer teilnehmen möchte, braucht im Grunde nur einen Smart Meter (den intelligenten Stromzähler, den inzwischen aber eh schon fast jeder hat) und einen bestehenden Stromanschluss. Dann heißt es noch, eine passende Energiegemeinschaft finden oder einfach selbst gründen.

Viele bestehende Gemeinschaften freuen sich immer über neue Mitglieder – sei es als Produzent oder Verbraucher. In manchen Regionen organisieren sogar Gemeinden oder Vereine entsprechende Modelle. Auch spezialisierte Online-Plattformen unterstützen bei der Vermittlung und übernehmen die vollautomatische Abrechnung im Hintergrund.

Wer gleich selbst eine Gemeinschaft im Dorf oder der Siedlung aufbauen möchte, gründet meist einen Verein oder eine Genossenschaft. Die Gemeinschaft legt fest, wer teilnimmt, wie die Strompreise gestaltet werden und wer wie viel Energie erhält. Gewinnmaximierung steht dabei üblicherweise nicht im Vordergrund – vielmehr geht es um faire Bedingungen für alle Beteiligten.

Mehr als nur Technik

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Pointe dieser Entwicklung: Energiegemeinschaften sind nicht bloß eine technische Innovation. Sie sind ein Stück gelebter Zusammenhalt. Während vieles in unserer Gesellschaft individualisiert wird, funktioniert Energie plötzlich wieder gemeinschaftlich. Die Nachbar:in wird vom anonymen Zaungast zum Strompartner. Familien teilen nicht mehr nur Sonntagsessen, sondern Kilowattstunden. Gemeinden entdecken, dass regionale Versorgung mehr sein kann als ein Schlagwort.

Und womöglich zeigt ausgerechnet die Energiewende, dass Zusammenhalt manchmal ganz nüchtern beginnt: mit einer Steckdose und der Erkenntnis, dass Teilen auch bei Strom eine ziemlich gute Idee sein kann.

Weitere Informationen, Erklärvideos und praktische Hilfestellungen bietet die österreichische Informationsplattform für Energiegemeinschaften: energiegemeinschaften.gv.at

Autor: Christian Lanner

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