Wie Familie heute wohnt

Neue Familienkonzepte erfordern neue Wohnkonzepte. Vier Expert:innen im Interview.

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Blick auf Dachgarten des Wohnobjekts Bella Vista im Village im Dritten

Bella Vista – Blick auf den Dachgarten des Holzhybridbaus, der im März 2026 bezogen wird. (c) Rita Michlits/BWSG

Auf den Aspanggründen in einem der wenigen Stadtentwicklungsgebiete in der Nähe der Wiener Innenstadt wachsen gerade die Wohnanlagen des Village im Dritten in die Höhe. Das Innere des Quartiers bleibt autofrei. Den Bewohnern der rund 2.000 Wohnungen stehen zwei Hektar Parkfläche zur Verfügung. Die ersten Bäume und Sträucher lassen deren Dimension und den Wohlfühlcharakter schon erahnen. Energie kommt so weit wie möglich aus lokalen und erneuerbaren Ressourcen: aus Erdwärme und Fernwärme.

Auf Baufeld acht der insgesamt 22 Baufelder errichtet die gemeinnützige BWS 104 geförderte Mietwohnungen (etwa die Hälfte sind Smart-Wohnungen mit durchschnittlich 65 Quadratmeter) und 13 Geschäftslokale. Im März 2026 ist die Übergabe des Projekts "Bella Vista" an die Bewohner geplant.

Jeder darf, keiner muss

Der Holzhybridbau des Architekturbüros Freimüller Söllinger lässt viele verschiedene Wohnkonzepte zu, die dem Zeitgeist entsprechen: von der kompakten Singlewohnung über Wohnungen für einen oder zwei Elternteile mit Kindern bis zu generationenübergreifenden Kooperativen. Wie Bella Vista zeigt, entstehen heute neben klassischen Familienprojekten zunehmend gemeinschaftliche Wohnformen. In die "schöne Aussicht" zieht zum Beispiel der Verein Sollvill ein, Kurzform für Solidarisch Leben im Village im Dritten. "Dessen Gründungsmitglieder sind befreundet und haben beschlossen, im Alter nebeneinander zu wohnen", erklärt Mag. Sonja Gruber, die seit 2009 Bauträger bei Wettbewerben in Sachen soziale Nachhaltigkeit berät. "Sollvill ist ein Modell gegen Vereinsamung", sagt Gruber. Zehn Wohnungen mit 40 bis 148 Quadratmeter sind für die Stammgruppe reserviert, für weitere zehn Wohnungen ist die Zuteilung offen.

"Sollvill beruht auf dem Konzept eines solidarischen Zusammenlebens von Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Herkunft. Im Gegensatz zu herkömmlichen Baugruppen wollten wir aber nicht jahrelang gemeinsam planen, finanzieren und bauen, sondern uns bewusst in einem ‚normalen‘ geförderten Wohnbau ansiedeln, also in Durchmischung mit anderen Familien", erklärt Mag. Dr. Wolfgang Förster, Gründer des Vereins. "Wichtig ist uns auch, mit diversen Aktivitäten etwas zum Zusammenleben im neuen Grätzl beizutragen – etwa im Nachbarschaftszentrum ‚Kiosk‘."

Den Kiosk sollen die Bewohner:innen flexibel für Angebote wie Yogakurse oder Pop-up-Läden nutzen können. "Das finde ich spannend, weil nicht rein gemeinnützig gedacht, sondern das ermöglicht auch kleingewerbliche Initiativen", ergänzt Nachhaltigkeitsberaterin Gruber.

Die Familien- bzw. Haushaltsstruktur bleibt bei den Sollvill-Mitgliedern bewusst offen. Förster: "Das heißt, es gibt ganz verschiedene Formen von Haushalten, von Singles unterschiedlichen Alters bis zu Paaren mit oder ohne Kinder. Zum Teil handelt es sich um alte Freundschaften, zum Teil kamen im Laufe der Zeit neue Interessierte dazu." Jede Familie hat dabei ihre eigene Wohnung, geteilt werden nur die Gemeinschaftsräume für diverse Aktivitäten. Grundsatz sei: so viel Gemeinschaft wie möglich, aber ohne Zwang.

Frühes Beispiel

"In solchen Wohnmodellen gibt es Konflikte, aber eben auch Gesellschaft und gegenseitige Unterstützung", so die Architektin Dr. Serenella Zoppolat. Als frühes Beispiel eines alternativen Wohnungsverbands nennt sie die Sargfabrik im 14. Wiener Gemeindebezirk, wo 1996 die Vision eines gemeinschaftlichen Wohnens Wirklichkeit wurde. In den 112 Wohneinheiten leben etwa 200 Personen, darunter geflüchtete Menschen und Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Gemeinsames Wohnen bei gleichzeitiger Offenheit für individuelle Gestaltung in Singlewohnungen, Familienwohneinheiten und Wohngemeinschaften lautet eines der Ziele des Vereins für integrative Lebensgestaltung "Sollvill".

Zoppolat betont: "Wohnen funktioniert heute nicht mehr als starres Modell. Wohnungen müssen größer gedacht und teilbar sein – oder, umgekehrt, kleiner und zusammenlegbar." Wenn man dies bereits bei der Planung berücksichtigt, kann zum Beispiel eine Maisonettewohnungen durch einfache bauliche Maßnahmen getrennt werden, wenn die Kinder ausziehen und weniger Platz nötig ist. Kleinere Wohnungen können in einer Lebensphase zusammengelegt und später wieder getrennt werden – die erwachsenen Kinder ziehen vielleicht daneben oder darüber ein. In der Sanierung sei es natürlich ungleich schwieriger, diese Flexibilität zu gewährleisten.

Nachbarschaft als Ressource

Zurück ins Bella Vista: 21 der 104 Wohnungen sind für Alleinerzieher:innen vorgesehen. Vermittelt werden sie vom Verein Juno, der einzigen Beratungsstelle für Alleinerzieher:innen in Wien. Mag. Sarah Zeller, Mitbegründerin des Zentrums für Getrennt- und Alleinerziehende, nennt als zentrales Anliegen, passende Grundrisse zu entwickeln und die Zugangshürden zu senken. "Die Einführung eines neuen Wohnbedarfsgrunds für Alleinerzieher:innen bei der Wohnberatung Wien war ein wichtiger Schritt. Er erleichtert jenen den Zugang, die bislang durch den Raster gefallen sind", so Zeller.

Fixer Bestandteil in neuen Wohnbauten wie dem Bella Vista sind Gemeinschaftsräume, die Bewohnerinnen und Bewohner für private Feiern oder gemeinschaftliche Aktivitäten nutzen können. Daraus entstehen oft Unterstützungsnetzwerke, gerade auch für Alleinerzieher:innen. "Kinder bringen Erwachsene zusammen", betont die Juno-Gründerin. "Wir organisieren Workshops, damit sich die zukünftigen Nachbar:innen schon vor Einzug kennenlernen können. Es geht darum, Gemeinschaft bewusst zu fördern." Ein-Eltern-Familien benötigen viel mehr Unterstützung aus der Nachbarschaft, so die Concslusio.

Zeller war selbst alleinerziehend und hat aus eigener Motivation Juno vor zehn Jahren gemeinsam mit zwei Freundinnen gegründet. Bis heute hat der Verein rund 170 Wohnungen für Alleinerzieher:innen mitgeplant und vermittelt, weitere 230 sind in Planung. Der Bedarf ist enorm: "1.200 Alleinerzieher:innen stehen auf unserer Interessent:innenliste", sagt die psychologische Beraterin.

Ein-Eltern-Familien haben laut Zeller zwar spezifische Anforderungen, aber diese kämen allen Familien zugute: kurze Wege, etwa zu den Waschküchen, Grundrisse, die Rückzug für Kinder und Eltern ermöglichen, und vor allem leistbare Wohnungen, nennt sie einige Beispiele. "In Ein-Eltern-Familien darf das Erwachsenenschlafzimmer ruhig kleiner sein, wichtiger ist ein eigenes Zimmer für die Kinder", sagt Zeller. Oft brauche es auch kreative Lösungen, etwa Schlafnischen im Wohnbereich, weil ein eigenes Schlafzimmer für den Elternteil in der Realität manchmal einfach nicht leistbar sei.

Wohnen mit viel Grün

Ob für Ein- oder Zwei-Eltern-Familien, für Singles oder Wohngemeinschaften: "Seit 2020 ist es noch wichtiger, Freiraum zu haben", meint Architektin Zoppolat und beruft sich dabei auf Architektenkammer und ihre eigenen Kunden gleichermaßen. "Ob eigener Balkon, Garten oder Terrasse oder der Dachgarten mit kleinen privaten Inseln oder als Gemeinschaftskonzept, wohnen bedeutet mehr als die eigenen vier Wände."

"Das Umfeld ist genauso wichtig wie die Wohnung selbst", schlägt die Nachhaltigkeitsberaterin Gruber in dieselbe Kerbe. Das betrifft Freiräume ebenso wie Gemeinschaftsräume. "In Zeiten von Pandemie und Klimaerwärmung hat sich gezeigt, wie essenziell gut gestaltete Außenflächen sind – mit großen Bäumen, die schon bei Einzug Schatten spenden."

Die drei Expertinnen sind sich einig: Familie heute ist nicht nur privater Rückzugsort, sondern immer auch eingebettet in Nachbarschaft, gemeinsame Freiräume und Stadt. Das erfordert neue bauliche, soziale und organisatorische Konzepte. Der Verein Sollvill möchte jedenfalls offen sein für andere interessierte Bewohner, solche aus dem Haus Bella Vista, aber auch von außerhalb. Gründungsvater Förster: "Wir haben uns vorgenommen, entscheidend zum Gelingen des neuen Stadtviertels Village im Dritten beizutragen." Happy together wünscht gutes Gelingen.

Autorin: Mag. Rita Michlits, BWSG

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Mode und Möbel im Wandel

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Lernen kennt kein Alter

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Ausgabe #10: Familie zum Durchblättern